Georg TorresLeserclub

Figuren · 02.09.2026

Georg Rothenburg – plötzlich mittendrin

Georg Rothenburg wollte eigentlich kein Ermittler sein. Trotzdem gerät er immer wieder dorthin, wo auf Mallorca hinter schönen Fassaden etwas nicht stimmt. Wer ist der Mann, der beobachtet, nachfragt und sich zunehmend in die Arbeit der Polizei einmischt?

Manche Figuren betreten eine Geschichte mit einer klaren Aufgabe. Andere entwickeln ein Eigenleben. Georg Rothenburg gehört zur zweiten Sorte.

Er ist kein klassischer Kommissar und kein abgebrühter Ermittler, der morgens seine Dienstwaffe einsteckt und weiß, dass der nächste Mordfall bereits auf ihn wartet. Genau das macht ihn interessant. Georg betrachtet die Dinge zunächst von außen. Er beobachtet Menschen, hört zu, stellt Fragen – manchmal auch solche, die andere lieber nicht hören würden. Einen kriminalistischen Zauberkasten besitzt er nicht. Was er mitbringt, sind Lebenserfahrung, Neugier und eine gewisse Hartnäckigkeit. Vor allem aber gibt er sich nicht gern mit Erklärungen zufrieden, die zwar ordentlich klingen, aber trotzdem nicht stimmen.

Ein Mann zwischen zwei Welten

Georg gehört nicht wirklich zur Polizei, ist irgendwann aber auch nicht mehr einfach nur Außenstehender. Diese Zwischenposition macht ihn für die Krimiserie besonders reizvoll. Er kann Dinge fragen, die ein Polizeibeamter vielleicht anders fragen würde, und er bewegt sich zwischen Menschen, Orten und gesellschaftlichen Milieus, ohne dass jeder in ihm sofort einen Ermittler erkennt. Das verschafft ihm Freiheiten – bringt ihn allerdings auch regelmäßig in Situationen, in denen ein vernünftiger Mensch möglicherweise entschieden hätte, sich herauszuhalten. Georg trifft diese Entscheidung nicht immer.

Was in „Rotwein im Blut“ noch stark aus den Umständen entsteht, bekommt im zweiten Fall eine neue Dimension. In „Tödliches Handicap“ wird Georgs Beteiligung an den Ermittlungen nicht mehr nur hingenommen. Seine Rolle erhält einen offiziellen Rahmen: In Absprache mit dem Präsidium wird er als Berater der Polizei in Palma hinzugezogen. Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied, ist für Georg aber ein ziemlich großer. Aus persönlicher Neugier wird Verantwortung. Er darf sich einmischen – und plötzlich erwartet man manchmal auch, dass er es tut.

Und dann ist da Sonia

Über Georg Rothenburg zu sprechen, ohne Sonia zu erwähnen, funktioniert nicht besonders lange. Zwischen beiden entsteht keine klassische Ermittlerpartnerschaft nach Lehrbuch. Es gibt Reibung, Nähe, Widerspruch und dieses ständige Hin und Her, bei dem manchmal nicht ganz klar ist, wer gerade wen führt. Sonia hat außerdem ihre ganz eigenen Vorstellungen davon, welche Rolle sie künftig spielen möchte. Dass Georg nun offiziell mit der Polizei zusammenarbeitet, betrachtet sie deshalb keineswegs nur aus sicherer Entfernung.

Gerade darin liegt für mich ein wichtiger Teil der Serie. Georg soll kein Superermittler werden, der plötzlich alles kann. Er darf falschliegen, Menschen falsch einschätzen und einer Spur folgen, die sich später als Irrweg erweist. Manchmal sieht jemand anderes etwas früher als er. Das macht ihn glaubwürdiger. Spannend ist nicht der Mann, der die Lösung schon kennt. Spannend ist der Mann, der sie finden muss.

Mallorca mit seinen Augen

Georg Rothenburg erlaubt mir außerdem, Mallorca nicht nur als Tatort zu zeigen. Er sieht die Insel mit ihren schönen und ihren weniger schönen Seiten: die Bodega und den Golfplatz, das Meer und die Immobiliengeschäfte, Menschen mit tiefen Wurzeln auf der Insel und andere, die mit ganz eigenen Vorstellungen hierherkommen. Wenn es die Umstände zulassen, zieht es ihn auf sein Boot – hinaus aufs Meer, wo die Insel für einen Moment weiter weg scheint und manche Gedanken klarer werden. Ganz gelingt ihm die Flucht vor den Fällen allerdings selten. Dadurch verändert sich auch Georg selbst von Fall zu Fall. Die Fälle mögen abgeschlossen sein. Seine eigene Geschichte ist es nicht.

Vielleicht ist genau das der eigentliche rote Faden dieser Krimiserie.

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